DoS: Der Handel mit dem (Silber-) Tablet

Tablets, der neue Hardware-Hype, angeheizt vom Apple iPad, zieht sich gerade munter durch die ganze Computing-Welt. Verstärkt wird der Trend durch Android- und webOS-Mitbewerber anderer Hersteller. Experten konstatieren schon den Niedergang der Netbooks zugunsten der Tablet-PCs. Jeder würde auch gerne so ein hippes Gerät mit Multitouch- und Gestensteuerung sein Eigen nennen. Aber beim Preis von 500 Euro aufwärts scheiden sich dann doch die Geister, ob man angesichts dieses Preises wirklich so ein Gerät benötigt.

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Genau hier spielt die jüngste Strategieänderung von Hewlett Packard, kurz HP, rein. Der Hersteller für PC- und Serversysteme hat sich in seiner neuen Ausrichtung entschlossen, sich zukünftig nur noch auf Server zu konzentrieren und die PC-Sparte samt Palm Smartphones und webOS Tablets einzustellen bzw. zu veräußern. Die Lagerbestände der letzteren beiden Produktsparten sollten binnen kurzer Zeit reduziert werden. Man entschied sich zu einem Verkauf zum Mindestpreis. Im Falle des HP TouchPad mit webOS bedeutete dies 99 Euro für die 16-GByte-Variante und 129 Euro für die 32-GByte-Variante. Lauffeuer oder Epidemie-ähnlicher Ausbruch beschreiben die Verbreitung der Information via regulärer Newskanäle und Social Media nur in geringem Maße.

Der Run auf HP und deren Shop begann im August. Binnen kürzester Zeit waren einerseits die Geräte ausverkauft, andererseits aber auch die Server an den Grenzen ihrer Belastbarkeit angelangt. Für einen Hersteller hochperformanter Server und mit der neuen Prämisse, sich nur noch auf diese in Zukunft zu konzentrieren, war dies natürlich ein unschöner Start und Nebeneffekt. Die Folge waren nicht zufriedene Kunden, die nicht mehr in den Genuss des Schnäppchens gekommen sind. Ob nun mangels vorhandenem Angebot oder weil schlicht und einfach die Server überlastet waren. Mit einem derartigen Ansturm hatte man einfach nicht gerechnet.

Zwei Wochen später versucht sich ein bekannter Händler mit einer neuen Charge von 1300 32GB-HP-Tablets für 129 Euro pro Gerät. Verkauft werden sollte nicht über den eigenen Shop, sondern vielmehr in einer Facebook-Werbeaktion für die Social Media Präsenz des Distributors über ein System von Ondango. Die Information gerade im Bereich eines Social Media Portals machte die Runde und einmal mehr setzte sich die Kettenreaktion in Gang. Nach einer vorheriger Promoaktion, die die „Likes“ für den Anbieter auf Facebook bereits an die 40.000er Grenze gebracht hatte, schnellte die Zahl über Nacht auf über 110.000 hoch. Der Verkauf sollte dann am Folgetag nach der Ankündigung starten. Doch aufgeregte und kauffreudige Kunden brachten durch überdurchschnittliche Benutzung der F5-Taste einmal mehr die Server an ihre Leistungsgrenze. Schnell wurde klar, dass die Verkaufsaktion nach hinten losgehen musste und dass die Server von Ondango dem Ansturm (8000 Zugriffe pro Sekunde laut Pressemitteilung des Händlers) nicht standhalten konnten. Plan B war die Umstellung auf eine Verlosung der Kaufrechte für die 1300 Geräte. Das hatte erst einmal wieder verärgerte Kunden zur Folge, die den ganzen Morgen aufgeregt ob der bald startenden Aktion zwischen nervös auf dem Stuhl hin- und herrutschen und F5-Drücken hart gekochten Orangensaft und frisch gepresste Eier zum Frühstück zubereitet haben. Ärgerlich!

Doch was lernen wir daraus? Amazon, seinerseits wohl stark interessiert an der Tablet-Sparte von HP, hat gelernt, dass der Erfolg und die Akzeptanz von Tablet-PCs wohl sehr stark am Preis hängen. Ob das nun ausgerechnet ein derart günstiger sein muss, sei dahingestellt, doch wohl sind aktuell die Geräte noch zu teuer für den gemeinen Kunden. Man gibt nun einmal auch wesentlich einfacher 100 anstelle von 500-600 Euro für ein Gerät aus, dessen Nutzen man zum Zeitpunkt des Kaufes noch nicht sehen oder erahnen kann. Eventuell sollte man ein Geschäftsmodell zum Verkauf in Betracht ziehen, dass dem von Spielkonsolen ähnelt. Auch hier wird die Hardware unter Wert verkauft und das Defizit über Lizenzen und Drittgeschäft wieder eingefangen. Apple scheint hier außen vor, denn deren Geräte lassen sich als Livestyle-Produkte getarnt auch so entgegen jedweden Trends blendend verkaufen.

Darüber hinaus zeigt dieser Fall auch einmal mehr die Grenzen den Internethandels auf. Zu viele willige Käufer wirken ähnlich wie eine bösartig gemeinte Denial-of-Service-Attacke (DoS) auf einen Server und können diesen zur Aufgabe zwingen. Das Prinzip des Massenansturms, das man auch zuletzt vor Jahren bei PC-Verkäufen von Lebensmitteldiscountern beobachten konnte, lässt sich wohl 1 zu 1 in die virtuelle Welt umsetzen. Eventuell potenziert sich der Ansturmsfaktor hier sogar noch, da man seinen Teil bequem und einfach von Zuhause beitragen kann. Als Handeltreibender sollte man sich das aber im Vorfeld dennoch genau überlegen und eine Strategie für einen geschickten Verkauf zurecht legen, sonst bewirkt man in kurzer Zeit einen gegenteiligen Effekt: Server brechen zusammen, es wird nicht mehr nur ein Produkt nicht mehr verkauft, sondern ganz viele, und obendrein hat man noch zahllose verärgerte Interessenten. Man könnte zwar dagegen argumentieren, dass Negativwerbung auch eine Form von Werbung ist, die im Gedächtnis bleibt. Der Schaden für das Image dürfte aber ungleich größer und weniger messbar sein. Und wer möchte in Zukunft schon bei einem Händler oder Distributor einkaufen, den man stets mit schlechten Erinnerungen verbindet?

Eines kann man jedoch definitiv festhalten: kein Tablet wird sich in so kurzer Zeit so gut und schnell verkaufen lassen wie das HP TouchPad. Gut, hätten andere Hersteller auch so machen können um den Preis, haben sie aber nicht. Dem Außenseiter mit webOS als Betriebssystem beschert dies jedenfalls eine wenn auch späte Blüte gegenüber den Branchenprimadonnas mit Android und iOS.

Jürgen Stosch

Senior-Redakteur und Community Manager

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