Surface – das Zune Déjà-vu

Liebe Marketing-Strategen von Microsoft, habt ihr denn in der Vergangenheit vom Marktpartner Apple gar nichts gelernt? Es soll kein Lobgesang auf Apple werden, aber es sollte dennoch die Frage erlaubt sein. Beide Unternehmen konkurrieren mit ihren Produkten nun im selben Marktsegment und sind sich in Art sowie Aufbereitung der Präsentation sehr ähnlich. So drängt sich der Vergleich geradezu auf.

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Die Leute aus Cupertino machen seit Jahren erfolgreich vor, wie so etwas zu laufen und funktionieren hat. Apple startet die Keynote z.B. in San Francisco morgens um 10 Uhr Ortszeit, 19 Uhr unserer Zeit. In der Zeit sind die meisten Länder mit potenziellen Kunden noch oder schon wach. Die Leute aus Redmond starten dagegen am späten Nachmittag in Los Angeles (selbe Zeitzone wie San Francisco) und schaffen es gerade einmal in die Prime Time des amerikanischen Abendprogramms. In Europa horcht man zu der Zeit an der Matratze. Fauxpas Nr. 1 – Zielgruppe nicht optimal erreicht!

Der nächste Fauxpas folgt direkt auf dem Fuße. Auch Apple lanciert mit seinen Tablets Produkte, deren Bedarf man sich in den meisten Fällen nicht erklären kann. Die Produkte sind sexy, hip und neu und wecken bei der Zielgruppe den Gedanken „will ich unbedingt haben, warum weiß ich nicht, eben darum“. Aber um diesen Bedarf direkt und optimal abzudecken, wird in der Ankündigung erwähnt, dass das Produkt direkt und unverzüglich nach der Keynote bestellt werden kann und schon in den nächsten Tagen geliefert wird. Preis, Ausstattung, Varianten – alles komplett. Microsoft hingegen gibt keinen Preis für die Surface Geräte an, nur einen groben Preisrahmen. Der Verfügbarkeitstermin ist auch eher noch wage: im Sommer zusammen mit Windows 8, zumindest die kleineren ARM-Varianten. Die großen, Intel-gepowerten Geräte folgen 3 Monate später. Wir reden jetzt also davon, dass wir die letzten Tage was über Produkte erfahren haben, die in ca. 2-5 Monaten bestellbar sein werden. Die Erwartungshaltung nach der Vorlage von Apple wäre aber eher, dass eines der Geräte bereits nächste Woche bei mir zu Hause ist. So deckt man doch keinen gerade geschaffenen Bedarf ab. Fauxpas Nr. 2 – sofortige Bedarfsdeckung nicht gegeben!

Man kann auch Parallelen zu Microsofts Zune erkennen. Der Zune sollte in Konkurrenz zu Apples erfolgreichem iPod treten. Man kam zu spät, der iPod hatte den Markt schon größtenteils abgedeckt und ein gewisses Standing bei den Kunden. Aber daran erinnern sich die meisten ja noch. Nun kommt man mit Surface Tablets und tritt nicht nur gegen Apple und die iPads an, sondern auch gegen diverse andere Hersteller mit Android Tablets. Wo ist hier noch Platz für Surface Tablets und warum sollte ich gerade ein Windows 8 Gerät haben wollen? Zugegeben, ein paar Features sind sehr nett und werden sicherlich einige Käufer ansprechen. Ich denke hier an die USB-Ports, MicroSD-Card-Slot, Touch/Type Covers und der ausklappbare Stand. Maße, Gewicht und Auflösung sind aber weitgehend branchenüblich. Apple legt hier mit dem iPad 3 bezüglich Auflösung ja noch eine Schippe drauf dank Retina Display. Auch der Preis für die WindowsRT Geräte soll ähnlich sein wie bei iPads oder Android Tablets. Die Windows 8 Pro Geräte sollen sogar auf dem Preisniveau von Ultrabooks liegen. Und hier stellt sich erneut die Frage, warum sollte ich unbedingt ein Surface Gerät kaufen? Ein absolutes Déjà-vu also, was seinerzeit den Zune Player für ein Schicksal ereilt hat. Zu spät, kein freies Marktsegment, keine wirklich besseren Features als bei der Konkurrenz. Fauxpas Nr. 3 – keine richtigen Anreize für potenzielle Kunden, „stand out of the crowd“ fehlt.

Sicherlich muss Microsoft hier in Vorleistung treten und Windows 8 für Tablets pushen. Hard- und Software kann besser aufeinander abgestimmt werden werden, da das Produkt aus einem Haus kommt. Ein so erfolgreich etabliertes Produkt würde dann auch wieder eine Basis oder eine Plattform-Alternative für andere Microsoft-Partner darstellen, so dass diese nicht ausgebootet werden.

Dennoch wirkt die Neuvorstellung der Surface Geräte eher verkorkst, fast schon wie aus Zugzwang, um den Anschluss nicht zu verlieren. Aber man kann sich schlecht im vorhandenen, bereits besetzten Segment positionieren bzw. man kann sich nicht wirklich gegenüber der Konkurrenz mit iOS oder Android abheben. Dafür sind die Features einfach zu ähnlich bzw. sie schaffen noch nicht den Anreiz, um Kunden auf die Microsoft-Plattform zu locken.

Ich würde liebend gern einen weiteren Konkurrenten sehen, der das Geschäft und das Segment der Tablets weiter belebt. Aber so nicht! Aktuell prophezeie ich eher ein ähnliches Schicksal und klangloses Ende der Surface Tablets, wie es dem Zune Player widerfahren ist. History repeating!

Jürgen Stosch

Senior-Redakteur und Community Manager

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